Depression

Wann wirkt die Therapie?

Nach der Diagnose war für mich klar, dass ich eine Therapie beginne. Meine Hausärztin gab mir die Telefonnummer eines kassenärztlichen Verteilers, hier konnte ich die Kontaktdaten aller psychologischen Psychotherapeuten in meiner Umgebung abrufen. Ich bekam nur wenige Minuten nach meinem Anruf eine E-Mail mit einer Liste der Therapeuten. Intuitiv ging ich die Namen durch und habe zwei Therapeuten ausgewählt. Ich habe gar nicht weiter nachgeschaut und einfach angerufen. Ich wollte es mit einem Mann und einer Frau probieren. Man muss sich nicht sofort für einen Therapeuten entscheiden – nach vier Stunden sollte man aber eine Tendenz erkennen. Innerhalb von drei, vier Wochen habe ich zwei Termine bekommen. Das ist zwar schon lange, aber anscheinend hatte ich da Glück. 

Ich glaube nicht an Glück oder Schicksal, um ehrlich zu sein. Aber darauf gehe ich in Zukunft noch ausführlicher ein. Jedenfalls musste ich diese Zeit überbrücken. Ich habe mir Podcasts zum Thema Persönlichkeitsentwicklung, Mindset und Depressionen angehört, Bücher gelesen und Dokus angeschaut. Ich war am Anfang total besessen, herauszufinden, was da gerade bei mir passiert und vor allem, wie ich dem entgegenwirken kann. Das klingt jetzt vielleicht alles so leicht, aber das war es nicht. Es war die Hölle. Das werde ich auch immer wieder betonen. 

Drei Wochen Wartezeit

Nach drei Wochen durfte ich endlich zur ersten Therapeutin. Sie war direkt in meinem Viertel und ich war total nervös. Ich war noch nie bei einem Therapeuten und kannte auch im privaten Umfeld keinen. Es war völlig neu und gleichzeitig wurde mir klar: Ich muss da jetzt einen Seelenstriptease hinlegen. Ich muss alles erzählen, denn ich brauche Hilfe. Es war eine Entscheidung, die ich getroffen habe. Im Kopf habe ich das ganz rational betrachtet. Was bringt es mir, nicht alles zu erzählen? Um wen geht es hier? Es geht um mich und meine Gesundheit. 

Blog-Beitrag: Wieso kam die Depression?

Die Praxis war in einem Altbau-Gebäude. Nach ein paar Minuten Wartezeit wurde ich in das Zimmer gebeten. Es sah sehr rustikal aus und eigentlich so, wie ich mir das vorgestellt habe. Dann ging es auch schon los. Ich gab ihr den Zettel der Hausärztin in die Hand und erzählte ihr von meinen Gefühlen. Dabei musste ich sofort weinen und es fiel mir schwer, Worte zu fassen. Sie hörte sehr verständnisvoll zu, fast schon mitleidig – war mein Eindruck. Sie war sehr nett und mitfühlend. Die Stunde verging wie im Flug, es war jedoch extrem belastend. Die ganzen intimen Gefühle einer fremden Person erzählen – daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Dabei kam auch alles hoch, was hochkommen wollte und die Tränen wollten unbedingt raus. 

Der zweite Therapeut

Es war aber nicht die richtige Therapeutin für mich, da bin ich mir heute noch sicher. Sie war nett, mitfühlend und verständnisvoll – das war zu dem Zeitpunkt nicht hilfreich für mich. Ich habe mich nicht wohl gefühlt, denn ich war vor allem am Anfang sehr rational und hart zu mir und wollte unbedingt Hilfe. Das sollte sich auch wie Hilfe anfühlen, nicht wie Mitleid. Leider hatte ich genau dieses Gefühl und aus diesem Grund habe ich den zweiten Termin bei dem zweiten Therapeuten abgewartet. 

Auch diese Praxis war in einem Altbau in meinem Viertel. Ich wartete etwas länger im Wartezimmer, was mich sofort verunsicherte. Ich war auch genervt, weil er zu spät war. Ich habe mich nicht respektiert gefühlt und war kurz davor, wieder zu gehen. Dann ließ er mich rein und das gleiche Spiel ging von vorne los. Ich habe alles erzählt, musste extrem viel weinen. und dann war die Stunde vorbei. Er hörte mir zu, stellte ein, zwei Fragen – das wars. Ich ging enttäuscht raus, denn ich hatte mir viel mehr erhofft, auch schon bei der ersten Therapeutin. Eine Soforthilfe gab es auch nicht, und ich habe es so dringend gebraucht. Ich war also alles andere als zufrieden. 

Das richtige Gefühl

Aber irgendwas, irgendein Gefühl sagte mir, dass das der richtige Therapeut für mich ist. Ich hatte den Eindruck, dass er mir helfen wird und er das kann. Die Vorzeichen waren schlecht, aber ich entschied mich, bei ihm zu bleiben. Ich hatte auch in den ersten Wochen das Gefühl, keine Hilfe zu bekommen. Nach jeder Einheit ging ich sauer und enttäuscht raus. 

Jetzt, zwei Jahre später, bin ich unfassbar froh, dass ich auf mein Gefühl gehört habe. Es war das Beste, was mir während der Depression passieren konnte. 

Es ist vermutlich mein großes Learning und noch immer meine große Schwäche – dem Prozess Zeit geben und nicht gleich Wunder erwarten, nicht gleich erwarten, dass sich wie von Zauberhand alles verändert. Damals erhielt ich diese harte Lektion, heute auch. Vor allem die Behandlung einer Depression braucht viel Zeit. 

Wenn ich dir an dieser Stelle etwas mitgeben darf: Hab Vertrauen in den Prozess, den du anstößt und fordere nicht zu schnell zu viel. Geh einen Schritt zurück und betrachte deinen Fortschritt aus der Ferne. 

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