Depression

Die Depression annehmen

Die Depression annehmen

Ich sitze auf meinem Bett und schaue auf den Zettel mit der Diagnose. Sofort kullern die Tränen. Es ist eine psychische Krankheit, eine Depression. Eine Krankheit, die professionell behandelt werden muss, um sie zu überstehen. Ich fühle keine Energie. Komplette Leere, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit. Was mache ich jetzt? Und wie?

In der ersten Phase ist es überlebenswichtig, zu funktionieren, irgendwie. Ich tue das, was nötig ist, ohne in Ohnmacht ins Bett zu fallen. Ich denke an die Pflichten und an Telefonate mit meiner Krankenkasse und dem Arbeitsamt. Zuerst alles regeln, damit ich mich danach auf mich konzentrieren kann. Die Depression macht sich kurze Zeit später mit voller Wucht breit. Ich habe kaum eine Chance und diese eine Stunde bei der Therapie ist mein einziger Hoffnungsschimmer. 

Hoffnung und Enttäuschung

Von jeder Stunde erwarte ich so viel, doch ich werde nur enttäuscht. Weil ich erwarte, in ein paar Wochen wieder gesund zu sein. Ich wehre mich gegen die Depression und nehme mir vor, nach 2,3 Monaten wieder zu arbeiten. 

Erst nach dieser Zeit leuchtet mir ein,  dass ich noch eine ganze Weile nicht arbeite, weil ich verdammt noch mal krank bin. Weil ich Ruhe benötige, Ruhe vom Leben. Nach und nach lasse ich die Hold-Taste gedrückt. Ich begreife, dass die Depression nicht einfach nur so da ist. Ich verstehe, dass es einen ganz bestimmten Grund hat, der nur mit mir zu tun hat. Erst nach einigen Therapiestunden bemerke ich, dass ich jetzt mal chillen muss. Ich lerne, die Depression anzunehmen, mit all den Facetten, mit all der Wucht. 

Welche Bedürfnisse sind wichtig?

Ich lasse die Depression da sein und höre immer mehr auf mich. Meine Außenwelt wird ausgeblendet, der Fokus nur auf mich gerichtet. Hin und wieder versuche ich, mich zu rechtfertigen und allen bescheid zu geben, wie es mir geht. Um die Sorgen der anderen zu stillen. Das muss aufhören, radikal. Das mag hart klingen, aber was soll ich sagen – selbst während der Depression war ich darum besorgt, was andere denken. Das ist verrückt. Es dauert eine Weile, bis ich das umsetze. Es ist ein andauernder Kampf, mich an erste Stelle zu setzen. 

Danach folgen Tränen und traurige Momente. Es ist nur der erste Schritt, die Depression anzunehmen und die Haltung dazu aufzubauen – davon habe ich dir in meinem letzten Blog-Beitrag erzählt. Es führt mich dazu, die Hintergründe zu erfahren. Ich hinterfrage. Ich habe die Depression quasi zunächst zu mir nach Hause eingeladen, zu einer Tasse Kaffee, um mit ihr zu reden. Schnell flossen die Tränen und der Schmerz wurde immer größer, ja fast unerträglich. Aber es war nötig. Es war nötig, um sie zu mir ganz genau anzuschauen, zu inspizieren, zu löchern. 

Die Gefühle zulassen

Diese Erfahrung ist unfassbar wertvoll. Auch heute wende ich diese Technik an. Ich lasse alle Gefühle kommen. Jede Emotion will sich zeigen, jede Emotion will gefühlt werden. Nur dann kann ich das alles verarbeiten. Ich versuche, alles anzunehmen, auch die negativen Emotionen. Das bedeutet, dass sie wieder gehen. Irgendwann. Wenn ich etwas meide oder nicht akzeptiere, kommt es immer stärker zurück und ich rege mich noch mehr darüber auf, dass es zurückkommt. Also lasse ich alles zu und nehme alles erstmal an. Um es dann gehen zu lassen. Das bedeutet gleichzeitig, dass ich öfter weinen muss, was aber gar nicht traurig, schwach oder vermeidbar ist. Klar, ich möchte Tränen vermeiden, aber in dieser Zeit wurde der Zugang zu meinen Gefühlen, zu meiner inneren Welt gelegt, und die freut sich, dass sie sich endlich zeigen darf, dass sie endlich da ist. Wenn dafür Tränen fließen, ist das so.

Ich bin mir sicher, dass es erst der Anfang ist und ich noch einen ganzen Berg voll mit Arbeit habe. Es ist meine Entscheidung, das zuzulassen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass ich hier bin, um das Leben mit allen Facetten, mit aller Zufriedenheit zu fühlen und zu erleben.

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